Geschichte

Frühe Neuzeit ​
Beim „Großen Christoph“. Beim „Großen Christoph“ (Hauptplatz 6) in Graz hielt 1757 die mit Augen geschmückte Kutsche von Dr. John Taylor, dem wohl berühmtesten Okulisten seiner Zeit. Je nach Seriosität verweilten Augenärzte damals mehr oder weniger lang in der Stadt, oftmals in Vorstadtgasthäusern wie dem „Roten Igel“ oder dem „Schwarzen Elefanten“, um dort den Starstich zu praktizieren. 

Haus zum „Großen Christoph“ (Kupferstich 1728)
Haus zum „Großen Christoph“ (Kupferstich 1728).

„Qui visum dat, dat vitam“ (wer Sehkraft gibt, vermittelt damit Lebensqualität), besagt der lateinische Werbespruch, der auf der Kutsche von Dr. John Taylor, dem wohl berühmtesten Okulisten seiner Zeit, prangte. Zeitgenossen ohne Kenntnis der damaligen Gelehrtensprache erahnten vielleicht aufgrund der aufgemalten Augen, warum diese Kutsche quer durch Europa und bis weit in den Orient unterwegs war. Als sie 1757 in Graz Halt machte, war hierzulande die Augenheilkunde Sache je nach Seriosität mehr oder weniger lang verweilender Okulisten. Oftmals boten sie in Vorstadtgasthäusern wie dem „Roten Igel“ oder dem „Schwarzen Elefanten“ ihre Heilkunst feil. 


Um 1800
Beinahe die älteste Augenklinik. Professor Dr. Joseph Barth, der Augenarzt Kaiser Josephs II., galt als Sonderling, der sein Wissen nur widerwillig an Schüler weitergab. Einer von ihnen, der sich in Graz niederließ, erlangte hier bereits 1806 – als es weltweit noch keine Augenkliniken gab – die Bewilligung zur Errichtung einer Augenklinik im allgemeinen Krankenhaus, dem späteren Landeskrankenhaus. 

Joseph Barth (Gemälde von H. F. Füger)
Joseph Barth (Gemälde von H. F. Füger).

Die um 1750 in Frankreich aufgekommene Extraktionsmethode zur Behandlung des grauen Stars trug maßgeblich zur Etablierung der Augenheilkunde als akademisches Fach bei. Kaiser Joseph II. erkannte das Fortschrittspotenzial und motivierte seinen Augenarzt Professor Barth zur Ausbildung einer neuen Augenärztegeneration. Zwei seiner Schüler, Dr. Johann Stiger und Dr. Lorenz Edler von Vest, ließen sich in Graz nieder, wo ersterer bereits 1806 die Bewilligung zur Errichtung einer Augenklinik im allgemeinen Krankenhaus erhielt. Da Dr. Stiger diese Bewilligung jedoch nicht in die Tat umsetzte, kam letztlich in Wien die erste Augenklinik der Welt (gegründet 1812) zustande. Graz erhielt dafür 1829 eine außerordentliche Professur und Abteilung für Augenheilkunde unter der Leitung von Dr. Joseph Piringer, einem in Wien ausgebildeten Urenkelschüler von Professor Barth. Der Gesamtbelag der zunächst nur zwei Sechsbettzimmer umfassenden Abteilung erhöhte sich nach wiederholtem Standortwechsel bis zur Jahrhundertmitte auf 38 Betten. 


Um 1850
Augenabteilung in der Paulustorgasse. 1829 gegründet, zählte die Augenabteilung bis zur Jahrhundertmitte nicht mehr als 40 Betten. Erst nach der Zusammenlegung der Ordinariate der Augenabteilung und der neu gegründeten Augenklinik (seit 1863) ermöglichte der Bezug des Herberstein´schen Hauses (Paulustorgasse 4) eine Belagssteigerung auf 75 Betten. 

Im Hof des Herberstein'schen Hauses (Foto 1912)
Im Hof des Herberstein'schen Hauses (Foto 1912).

Mit der lange Zeit ersehnten Gründung einer medizinischen Fakultät stieg die Grazer Universität 1863 zur Volluniversität auf. Damit ergab sich auch die studienplangemäße Einrichtung einer Lehrkanzel für Augenheilkunde. Dr. Carl Blodig vereinigte als Erster die neue Lehrkanzel mit dem Ordinariat der Augenabteilung in Personalunion. Die Abteilung bezog anschließend das Haus Paulustorgasse 4 als neuen Standort mit 75 Betten. Ein paar Jahre später entstand ein Zubau zum Haus Paulustorgasse 8 mit zusätzlichen Räumlichkeiten für die Augenklinik (24 Betten). 


Um 1900
Augenklinik in der Paulustorgasse. 1871 erhielt die Augenklinik in einem Neubautrakt (Paulustorgasse 8) mehr Platz. Professor Blodigs Arbeitszimmer war 1878 Schauplatz eines ungeklärten Brandes, dem Krankengeschichten und Monatsberichte zum Opfer fielen. Seine Nachfolger Schnabel, Borysiekiewicz und Dimmer begründeten den internationalen Ruf der Grazer Augenheilkunde.

Professorzimmer der Augenklinik (Foto um 1900)
Professorzimmer der Augenklinik (Foto um 1900).

Die große Tradition der Grazer Augenheilkunde begann unter Professor Blodigs Nachfolgern Isidor Schnabel (1887–1891), Michael Borysiekiewicz (1891–1899) und Friedrich Dimmer (1900–1910), deren Publikationen internationale Aufmerksamkeit erregten. So gelang es beispielsweise Professor Dimmer 1902, in Zusammenarbeit mit der Firma Zeiss erste verwertbare Fotografien des Augenhintergrundes herzustellen. Nachdem die Klinik bereits unter seinem Vorgänger die 100-Betten-Grenze überschritten hatte, widmete sich Dimmer maßgeblich dem Krankenhausneubau, folgte aber kurz vor dessen Eröffnung einer Berufung nach Wien.


Neueste Zeit
Am Standort von heute. Im Frühjahr 1912 wurden zwei parallele Pavillons am Beginn der Hauptallee des Krankenhausneubaues mit den Patienten der Augenabteilung und der Augenklinik belegt. Zwischen diesen Pavillons erstreckten sich ein ebenerdiger Verbindungsgang und Parkanlagen, die ihren Besuchern Erholung und Abwechslung vom Krankenhausalltag bieten sollten.

Patienten musizieren im Park der Augenklinik (Foto um 1930)
Patienten musizieren im Park der Augenklinik (Foto um 1930). 

Am heutigen Standort verfügten die Augenklinik und ihre Abteilung vom Anbeginn bis Mitte der neunziger Jahre über 150 bis 169 Betten. Seit dem Eröffnungsjahr 1912 lösten hier neun Vorstände einander ab: Maximilian Salzmann (1912–1934), Arnold Pillat (1936–1944), Josef Böck (1944–1955), Karl Hruby (1955–1964), Hans Hofmann (1964–1987), Helmut Hanselmayer (1987–1989), Jürgen Faulborn (1989–2003), Christoph Faschinger  (2003-2005) und Andreas Wedrich (seit 2005). Ausbauten und Sanierungsmaßnahmen ermöglichten um 1970 und um 1995 eine Neuausstattung der Klinik. Im Zuge der letzteren Generalsanierung erfolgte eine Bettenreduktion auf 70 Betten (heute 61 Planbetten).


Dr. Norbert Weiss
Unternehmenshistoriker der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft
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Letzte Aktualisierung: 16.04.2013